Lang ist's her: Ende der siebziger, Anfang der achtziger Jahre erschienen vor allem in Großbritannien und in den USA erste Arbeiten mit dem Ziel einer kritischen Theorie von Männlichkeit. Diese ersten Versuche fanden noch auf dünnem Eis statt und hatten die Umorientierung von einer strukturfunktionalistischen zu einer kulturkritischen Perspektive in der Geschlechterforschung zur Voraussetzung. Die damals weit verbreitete rollentheoretische Position war gerade erst zugunsten von konstrutivistischen Ansätzen abgelöst worden.
Das Eis, auf den heute theoretisiert wird, ist in den letzten zwanzig Jahren dicker geworden. Außerdem hat es sich auch auf den deutschsprachigen Raum ausgeweitet. Trotzdem steht hierzulande die sozialwissenschaftliche Thematisierung des Mannes in seiner Geschlechtlichkeit noch in den Anfängen.
Ein wichtigen Schritt zur Beseitigung dieser Misere hat im letzten Jahr der Leske-und-Budrich-Verlag unternommen. Mit der Übersetzung von Robert W. Connells "Masculinities" (dt. "Der gemachte Mann") steht der deutschsprachigen LeserInnenschaft nun ein Standartwerk der Männerforschung zur Verfügung.
Auf der Suche nach einer 'Theorie der Praxis' ("practice-based theory") durchforstet der Professor für Soziologie an der University of Sydney die psychoanalytischen und soziologischen Männlichkeits-Konzepte des letzten Jahrhunderts. Fündig wird er zuerst bei Sigmund Freud - auch wenn dieser sich nie explizit den Problem genähert hat. Dennoch ist dessen Verdienst unübersehbar: Geschlecht wird von der modernen Psychoanalyse nicht mehr als naturgegeben, sondern als sozial konstituiert verstanden. Und: aus der Freud-Kritik heraus entstanden erste Ansätze, die den sozialen Machtverhältnissen mehr Platz in ihrer Theorie einräumten.
Auch die Soziologie wartete durch das bereits erwähnte Konzept der Geschlechterrolle mit einer eigenen Theorie der Männlichkeit auf. Dieser Ansatz gilt heute jedoch als obsolet: "Es gibt hier nichts, was eine Analyse von Macht erforderlich machen würde", schreibt Connell in seinem Buch. Zudem sei die Geschlechterrolle als komplementär definiert und Polarisierung somit ein notwendiger Teil des Konzepts.
Der Australier betont demgegenüber, daß eine Theorie der Männlichkeit auch die Verhältnisse zwischen den verschiedenen Formen von Männlichkeit erkennen müsse. Diese versucht er mit den Begriffen Hegemonie, Unterordnung, Komplizenschaft und Marginalisierung zu beschreiben. Dabei ist von Bedeutung, daß es in der herrschenden Kultur zwar ein hegemoniales Modell der Männlichkeit gibt (den Begriff der Hegemonie hat Connell dem italienischen Theoretiker Antonio Gramsci entlehnt), jedoch nicht alle Männer dieses Modell verkörpern müssen. Im Gegenteil: eher der kleinste Teil der männlichen Bevölkerung gehört dem hegemonialen Typ an. Doch auch der große Teil derer, die nicht dem kulturellen Leitbild folgen, erhält Connell zufolge durch Komplizenschaft einen Zugewinn an Achtung, Prestige, Befehlsgewalt und materiellem Reichtum, kurz: seine "patriarchale Dividende".
Neben der Differenzierung zwischen kulturellem Ideal und jeweils konkreter Wirklichkeit von Männlichkeit ist Connells Analyse von dem Gedanken des sozialen Geschlechts als Praxis geleitet: "Männlichkeit ist - soweit man diesen Begriff in Kürze überhaupt definieren kann - eine Position im Geschlechterverhältnis; die Praktiken, durch die Männer und Frauen diese Position einnehmen, und die Auswirkungen dieser Praktiken auf die körperliche Erfahrung, auf Persönlichkeit und Kultur." Dabei ist jede Form von Männlichkeit (als Konfiguration von Praxis) in den drei Strukturebenen von Geschlechterbeziehungen verortet: Machtbeziehung, Produktionsbeziehungen und emotionale Bindungsstruktur (Kathexis).
Statt also nach einer "Einheitsformel" für die Erklärung des sozialen Geschlechts zu suchen, entwickelt Connell seinen Ansatz hier mit verschiedenen, empirisch gewonnenen Kategorien. Dabei vernachlässigt er in der additiven Behandlung dieser Kategorien jedoch, daß die Macht die anderen beiden Kategorien überlagert. So basiert doch auch seine eigenen Theorie der hegemonialen Männlichkeit auf der Kategorie der Macht. Diese konstituiert sich durch die Verknüpfung von Autorität und Maskulinität. Männlichkeit produziert sich aber eben nicht nur aus der Relation zum anderen Geschlecht, sondern eben auch gegenüber anderen Formen untergeordneter Männlichkeit. Es handelt sich also um eine Hierarchie innerhalb des dominierenden Geschlechts.
Worin sich diese hegemoniale Männlichkeit produziert, ist dem australischen Wissenschaftler zufolge von der geschichtlichen Entwicklung abhängig. Für die Zeit des neunzehnten und des frühen zwanzigsten Jahrhunderts betont Connell beispielsweise die Bedeutung des Duells für die Machtbeziehungen unter Männlichkeiten. Damit schreibt er den Ausprägungen des sozialen Geschlecht eine Historizität zu.
Diesem Grundsatz bleibt die Feststellung, in den Industrienationen des zwanzigsten Jahrhunderts habe die Geschlechterpraxis, die sich auf Dominanz stützt, zugunsten einer Praxis, die zunehmend auf Fachwissen oder technischem Know-how beruht, einen empfindlichen Rückschlag erlitten. Diese Feststellungen - so plausibel sie auch klingen mögen - bleiben aber leider im Bereich der Spekulation. Den empirischen Beweis, daß hegemoniale Männlichkeit an den Besitz von ökonomischem, sozialem oder kulturellem Kapitals im Sinne Pierre Bourdieus geknüpft ist, bleibt Connell schuldig.
Statt dessen untersucht der Soziologe im empirischen Teil seines Buches Männer, in deren Lebenssituation die Geschlechterordnung ihre Legitimität zu verlieren scheint oder zumindest schweren Erschütterungen ausgesetzt ist: Männer aus der Umwelt- und Schwulenbewegung, sozial benachteiligte Männer und solche aus der Mittelschicht, deren Beruf zwar technisches Wissen erfordert, denen aber die soziale Autorität des Kapitals oder traditionelle Berufe fehlt. Die Voraussetzungen für eine Transformation von hegemonialer Männlichkeit scheinen hier besonders günstig.
Ergebnis: Bei keinem der befragten Männer führen die erfahrenen Umbrüche im Geschlechterverhältnis zu dezidiert emanzipatorischen Forderungen. Bei dem wirtschaftlich schwachen Männern, die aufgrund ihrer finanziell prekären Lage häufig mit erwerbstätigen Lebenspartnerinnen konfrontiert sind, führt der Verlust der ökonomischen Basis männlicher Autorität zu einem "gespaltenen Bewußtsein" von Egalitarismus und Mysogynie.
Die Untersuchungen in der Umweltbewegung hingegen ergaben, daß Männer, die frühzeitig mit feministischer Theorie und Praxis, wie sie in Teilen der Umweltbewegung verbreitet sind, konfrontiert werden, meist eine individuelle Veränderung mit dem Ziel einer Art von Androgynität anstreben. Dies bleibt in Anbetracht einer nach wie vor von Männern dominierten Gesellschaft jedoch problematisch.
Auch von der dritten Gruppe, Männern aus der Schwulenbewegung, ist nicht automatisch eine Infragestellung der Geschlechterordnung zu erwarten. Dennoch untergräbt deren männliche Objektwahl die Hegemonie einer Männlichkeit, die ausschließlich heterosexuell zu sein hat. "Man kann nicht homosexuell werden, ohne diese Hegemonie in irgend einer Weise zu beschädigen", resümiert Connell.
Die Schlußfolgerung aus den Untersuchungen über die Mittelschichtsmänner fällt hingegen weniger positiv aus: Zwar höhle die gesellschaftliche Ausprägung der Rationalität - "wie zum Beispiel Marktrationalität oder die Gleichheit vor dem Gesetz" -, die den betroffenen Männern ihre soziale Autorität des Kapitals oder traditionellen Berufes nimmt, die Geschlechterhierarchie aus. Dennoch eigne sich diese "technische Vernunft" lediglich für ein Reformprojekt, nicht jedoch für den Bruch mit den Verhältnissen, die Differenz als Dominanz konstituieren.
Den dritten und letzten Teil seines Buches widmet Connell der Untersuchung der Geschichte von Männlichkeit und der Männlichkeitspolitik. Hier zeigt seine Analyse, daß die Geschlechterordnung, in der Männlichkeit im heutigen Sinn hergestellt und aufrecht erhalten wird, sich im 18. Jahrhundert entwickelt. Kulturelle Veränderungen, Imperialismus, das Anwachsen der Städte sowie Bürgerkriege begünstigen diese Entwicklung. Mit der Ausbreitung der kapitalistische Weltordnung wird das Modell hegemonialer Männlichkeit zudem aus den Industrienationen in die Peripherien exportiert.
Während diese Tendenz bis heute fortwirkt, hat sich mittlerweile in den Industrienationen selbst eine Männlichkeitspolitik entwickelt. Von deren "vier Hauptformen" - Männlichkeitstherapie, Politik der Waffen-Lobby, Schwulenbewegung und Politik des Austritts - hat sich vor allem letztere der Patrichats-Subversion als dienlich erwiesen. Dennoch muß eine solche "Bewegung" gegen das herrschende Geschlechterverhältnis, wie sie im Kontext der radikalen Männerbewegung entstanden ist, zwangsläufig sehr schwach sein. Ihr fehlt die soziale Basis und der Wille der Männer gegen ihre eine Privilegien anzukämpfen. Daher empfiehlt Connell mit einer Praxis, die auf die Delegitimierung des Patriarchats abzielt, an den Spannungen und Differenzen innerhalb der Geschlechterordnung anzusetzen.
Solche Handlungsanleitungen sind jedoch umstritten - wie die Männlichkeitskonzepte überhaupt. Zweifellos aber hat der Soziologe Robert W. Connell mit seinem Konzept der hegemonialen Männlichkeit neben dem Konzept des Habitus seines französischen Kollegen Pierre Bourdieu die zur Zeit anspruchsvollste soziologische Theorie der Männlichkeit entwickelt.
Dennoch bleibt zu hoffen, daß das Eis, auf dem sich solche Konzepte bewegen, noch dicker wird.
